Ostkirchenkunde

Die Begegnung mit anderen christlichen Bekenntnissen ist im modernen Europa heute alltäglich: in der Schule, auf dem Arbeitsplatz, in der Wohnnachbarschaft. Doch die Traditionen unserer Nachbarn aus dem christlichen Osten sind uns oft fremd.

Unser Anliegen ist es, das geistliche Erbe und die gottesdienstlichen Ausdrucksformen der östlichen Kirchen bekannt zu machen und mitzuhelfen, dass die getrennten Christen wieder zueinander finden.

Papst Benedikt XVI. war das Gespräch mit den Kirchen des christlichen Ostens ein besonderes Anliegen: „Unsere Koinonia ist zunächst Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus im Heiligen Geist…  Diese Gottesgemeinschaft schafft …die Koinonia untereinander, als Teilhabe am Glauben der Apostel und so als Gemeinschaft im Glauben, die sich in der Eucharistie verleiblicht und über alle Grenzen hin die eine Kirche baut.“ (Ansprache bei der ökumenischen Vesper im Regensburger Dom, 12.09.06)

„Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils. Denn Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet, und doch erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen; sie alle bekennen sich als Jünger des Herrn, aber sie weichen in ihrem Denken voneinander ab und gehen verschiedene Wege, als ob Christus selber geteilt wäre. Eine solche Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen… Fast alle streben, wenn auch auf verschiedene Weise, zu einer einen, sichtbaren Kirche Gottes hin, die in Wahrheit allumfassend und zur ganzen Welt gesandt ist, damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so ihr Heil finde zur Ehre Gottes. Dies alles erwägt die Heilige Synode freudigen Herzens und, nachdem sie die Lehre von der Kirche dargestellt hat, möchte sie, bewegt von dem Wunsch nach der Wiederherstellung der Einheit unter allen Jüngern Christi, allen Katholiken die Mittel und Wege nennen und die Weise aufzeigen, wie sie selber diesem göttlichen Ruf und dieser Gnade Gottes entsprechen können.“(aus dem Vorwort zum Dekret über den Ökumenismus "Unitatis redintegratio", Zweites Vatikanisches Konzil)

Patrologie

Das gemeinsame Erbe der Kirchen im Westen und im Osten ist die Heilige Schrift, aber auch die Tradition der ersten christlichen Jahrhunderte: die Schriften der Heiligen Väter. Die Ökumene, das Gespräch zwischen den Kirchen, baut auf diesem Wissen auf.

Standort Wien

Wien eignet sich besonders als Standort für ostkirchliche Studien, da hier zahlreiche Kirchen vertreten sind. Die orthodoxen Kirchen bilden die zweitgrößte christliche Konfession in Wien - 10% der Christen sind orthodox (Volkszähung 2001, laut kathpress 2009 leben in Wien und Umgebung 200.000 orthodoxe und orientalisch-orthodoxe Christen). In Österreich leben etwa 500.000 Gläubige der Ostkirchen.

Das Institut weist durch das Fach Ostkirchenkunde eine im deutschsprachigen Raum einzigartige Spezialisierung auf. Deshalb werden die Lehrveranstaltungen besonders auch von Studierenden anderer theologischer Fakultäten im In- und Ausland in den so genannten Freisemestern gerne wahrgenommen.

Studienplan

Der aktuelle Studienplan orientiert sich am Forschungsschwerpunkt der Katholisch-Theologischen Fakultät "Ökumene" und der Universität Wien „Europäische Integration und südöstliches/östliches Europa“. Patrologie ist die unverzichtbare Grundlage, um die Theologie der östlichen Kirchen und ebenso der katholischen Kirche selbst zu verstehen.

Forschungsschwerpunkt "Ausbildungskultur"

Der aktulle Forschungsschwerpunkt des Instituts liegt auf der Ausbildungskultur der Orthodoxen Kirche. Dadurch soll eine künftige engere Kooperation zwischen Universitäten, Hochschulen und Fakultäten der orthodoxen und der katholischen Theologie ermöglicht werden.

Auszug aus dem fakultären Leitbildkatalog

Institutsname:

Deutsch: Institut für Theologie und Geschichte des christlichen Ostens

English: Department of Theology and History of Eastern Churches

Beschreibung des Faches:

Theologie und Geschichte des christlichen Ostens: Aufgabe dieses Faches ist das Studium der kirchlichen Traditionsströme, die in altkirchlicher Zeit im Ostteil des Römerreiches beziehungsweise östlich des Reiches beheimatet waren, gegenwärtig aber - wie auch die lateinische (abendländische) christliche Tradition - weltweit verbreitet sind.

Der Namensteil "Ost" hat also in erster Linie historischen Gehalt und bezeichnet die Herkunft der Traditionen; für die Gegenwart benennt er die Stammgebiete, nicht das Verbreitungsgebiet. Die Eigenständigkeit der Traditionen bezieht sich auf alle Bereiche, in denen die Kirchen im Lauf der Geschichte unter Beachtung der Zeichen der Zeit auf die Anliegen der Menschen einzugehen haben: katechetische und lehrmäßige Ausdrucksmittel; Gottesdienstformen; Fragen des geistlichen Lebens und der kirchlichen Praxis; Kirchenrecht und kirchliche Strukturfragen; Fragen des jeweiligen Verhältnisses der Kirchen zu den Kulturen, zum Staat und zur Gesellschaft.

Für ein weltweites Verständnis zwischen den christlichen Kirchen und den von ihnen kulturell geprägten Völkern sind das Wissen um die verschiedenen Traditionen und die Respektnahme auf sie unerläßlich. Dem Fach Ostkirchenkunde obliegt daher neben dem Studienauftrag zu den genannten kirchlichen Aspekten auch eine dringliche Aufgabe im Dienst der Völkerverständigung.

Das Fach Patrologie (wörtl. "Lehre der Kirchenväter"), für das vom Institut der Unterricht für die Hörer der Fakultät abgedeckt wird, kann beschrieben werden als Literaturkunde zum nachbiblischen Schrifttum des 2.- 9. Jahrhunderts betreffend die Exegese, die dogmatische Theologie, die Liturgik, die Kirchengeschichtsschreibung, die Spiritualität und Aszetik, die Homiletik, die Kirchendichtung und das Kirchenrecht. Gegenwärtiger Schwerpunkt in der Forschungsarbeit sind neben den Vorarbeiten für das Mitwirken des Institutsvorstandes und einzelner (früherer und gegenwärtiger) Mitarbeiter an interkonfessionellen und internationalen Begegnungen vor allem jene geschichtlichen Geschehnisse, die bei der heutigen Generation das "historische Gedenken" belasten und die Aussöhnung erschweren. Es wird an der sachlichen Beurteilung und am Abbau der ideologischen Feindbilder gearbeitet. 

Gegenwärtiger Schwerpunkt in der Ausbildung ist das Vertrautmachen mit den notwendigen Voraussetzungen für ein fruchtbares gegenseitiges Verstehen zwischen den Kirchen mit uralten eigenen Traditionsströmen und für den Dialog zwischen ihnen.

Gesellschaftliche und wissenschaftliche Rahmenbedingungen:

Einmaligkeit des Faches in Österreich: Nicht nur an der Universität Wien, sondern in ganz Österreich gibt es kein anderes Institut, welches das Fach Theologie und Geschichte des christlichen Ostens abdeckt. Dies erklärt sich daraus, daß das Fach bislang nicht in den Kanon der Pflichtfächer für die theologische Ausbildung gehörte. Doch angesichts der Geschichte Österreichs vor 1918 und der gegenwärtigen Globalisierungstendenzen ist es wichtig, daß im Land wenigstens eine Forschungs- und Ausbildungsstätte besteht, an der einschlägige Spezialstudien gemacht werden können.  

Interinstitutionelle Zusammenarbeit in Forschung und Lehre erfolgte bisher bezüglich einzelner Themen

  • mit mehreren Instituten der Universität Wien;
  • mit dem Ost- und Südosteuropa Institut Wien;
  • mit vergleichbaren Instituten in Rom und Deutschland, insbesondere mit dem Ostkirchlichen Institut Würzburg;
  • mit der theologischen Lehranstalt der Katholiken Äthiopiens und mit dortigen Ansätzen für theologische Fortbildung;
  • mit im Aufbau befindlichen Lehranstalten in Rußland, Rumänien und der Ukraine

Beratungsfunktion nahm und nimmt das Institut insbesondere für kirchliche und gesellschaftliche Kreise wahr bezüglich der Themen aus dem Forschungsbereich des Instituts, die wichtig sind für den zwischenkirchlichen Dialog und für den europäischen Einigungsprozeß.

Ergänzende Informationen: